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Wie wollen wir sterben?

  • vor 4 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Hinweis zu Hilfsangeboten: In diesem Beitrag wird auch der assistierte Suizid thematisiert. Wenn Sie dunkle Gedanken haben und darüber nachdenken, sich das Leben zu nehmen, sprechen Sie jemanden darauf an und holen sich Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Hilfe im Internet finden Sie auch unter online.telefonseelsorge.de in Form eines Hilfe-Chats oder bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (suizidprophylaxe.de). In akuten Lebensgefahren wählen Sie den Notruf (112).


Foto: Rosie Sun (unsplash)


Wann ist ein Leben zu Ende gelebt? Wer darf darüber entscheiden – und unter welchen Umständen? Diesen Fragen widmete sich eine unserer Gesprächsrunden zum Thema „Assistierter Suizid" mit Prof. Dr. Jörg Weimann und Sabine von Stackelberg. Dabei zeigt sich: Ein Tabuthema verliert bereits etwas von seinem Schrecken, sobald man ihm Raum gibt – wertfrei, ergebnisoffen und mit Respekt für unterschiedliche Perspektiven.

Im Zentrum steht keine abstrakte Debatte, sondern eine sehr persönliche Frage, die jede und jeden von uns betrifft: Wie möchte ich sterben?


Assistierter Suizid und Alternativen

Viele Menschen äußern den Wunsch, am Lebensende zuhause sterben zu können und „einfach friedlich einzuschlafen". Dahinter steht oft die Angst vor dem „Dahinsiechen" und die Sorge vor einem qualvollen Tod. Aus dieser Sorge heraus entsteht bei manchen der Gedanke an assistierten Suizid als Weg, ein schmerzvolles Sterben zu umgehen. Dabei spielen auch die Angst vor Kontrollverlust und der Wunsch nach Selbstbestimmung am Lebensende eine Rolle – selbst zu entscheiden, wann und wie man aus dem Leben geht.

Neben assistiertem Suizid gibt es jedoch Alternativen: verschiedene Formen der Sterbebegleitung, allen voran eine gute palliativmedizinische Begleitung, die viele dieser Ängste nehmen kann. Spezialisierte Palliativteams stehen für genau solche Fragen zur Verfügung.


Was bedeutet „palliativ"?

Der Begriff „palliativ" stammt vom lateinischen „pallium" (Mantel) und beschreibt einen Behandlungsansatz, der nicht auf Heilung, sondern auf Linderung abzielt. Im Mittelpunkt der Palliativmedizin steht die Lebensqualität schwerkranker Menschen: Schmerzen und andere belastende Symptome werden gelindert, psychische, soziale und spirituelle Bedürfnisse berücksichtigt. Palliativ heißt also nicht „nichts tun können", sondern aktiv dazu beizutragen, dass Menschen ein möglichst würdevolles, selbstbestimmtes Lebensende erleben können. Palliativversorgung kann sowohl zuhause als auch in spezialisierten Einrichtungen erfolgen – und muss nicht erst in den letzten Lebenstagen beginnen, sondern kann oft schon viel früher ansetzen.


Assistierter Suizid: Rechtliche Situation in Deutschland

Deutschland hat aktuell kein eigenes Gesetz, das den assistierten Suizid umfassend regelt. Das führt zu einer im internationalen Vergleich eher liberalen Rechtslage – und gleichzeitig zu vielen offenen, ungeklärten Fragen.

Sowohl für Bürgerinnen und Bürger als auch für Ärztinnen und Ärzte gibt es keine zentrale Anlaufstelle, um sich zum Thema assistierter Suizid zu informieren, und auch keine entsprechenden Weiterbildungen. Zum Vergleich lässt sich die Beratungspraxis bei Schwangerschaftsabbrüchen heranziehen, wo es etablierte, ergebnisoffene Beratungsgespräche gibt – ein Modell, das es für den assistierten Suizid bislang nicht gibt.  


Kommerzialisierung als Streitpunkt

Kritisch zu betrachten ist die zunehmende Kommerzialisierung des Themas: Eigentlich sollen entsprechende Angebote keinen Gewinn erzielen, dennoch gibt es Strukturen, bei denen deutlich höhere Beträge verlangt werden – teils verbunden mit einer zu offensiven Werbung, etwa in Pflegeeinrichtungen. Aktuell gibt es also kommerzielle Anbieter für assistierten Suizid, während es an neutralen Beratungsstellen fehlt.


Eine zutiefst individuelle Frage

Die Frage nach dem eigenen Sterben bleibt hochindividuell – es gibt kein Richtig oder Falsch, das für alle Menschen gleichermaßen gilt. Was für die eine Person ein würdevolles Lebensende bedeutet, kann für eine andere völlig anders aussehen. Umso wichtiger ist es, eigene Wünsche frühzeitig zu klären und mit nahestehenden Menschen sowie behandelnden Ärztinnen und Ärzten zu besprechen.

Besonders schwierig wird es bei Erkrankungen wie Demenz, wo eine Entscheidung nicht einfach im Voraus verfügt werden kann: Der Mensch, der eine Patientenverfügung verfasst, ist oft nicht mehr derselbe Mensch, der Jahre später von der Krankheit betroffen ist – und was in gesunden Tagen als unerträglich erschien, wird von Betroffenen im späteren Krankheitsverlauf nicht selten anders erlebt. Diese Diskrepanz macht deutlich, wie komplex und persönlich die Frage nach dem eigenen Sterben tatsächlich ist – und warum pauschale Antworten ihr nicht gerecht werden können.


Ein berührender Moment

Besonders in Erinnerung geblieben ist uns die Rückmeldung einer Teilnehmerin bei einer unserer Veranstaltungen. Sie erzählte, sie sei mit grundsätzlichem Interesse am Thema assistierter Suizid gekommen. Danach sagte sie sinngemäß: „Ich bin davon komplett weg. Ich habe hier das erste Mal über palliative Begleitung am Lebensende erfahren und habe das Interesse an assistiertem Suizid komplett verloren."

Ein Moment, der genau das widerspiegelt, was uns wichtig ist: Wir wollen niemanden zum assistierten Suizid hinführen – im Gegenteil, uns liegt eher daran, für die Alternativen zu sensibilisieren. Vor allem aber geht es uns darum, dieses Tabuthema neutral zu diskutieren und einen Raum für echten Austausch zu schaffen.

Diesen Austausch über die Alternativen, die es zum assistierten Suizid gibt und die ein möglichst schmerzfreies Sterben ermöglichen, führen wir fort. Die nächste Veranstaltung „Dialog zur Selbstbestimmung am Lebensende" findet am Dienstag, den 29. September, um 18 Uhr bei Kreis & Raum in der Crellestraße 34, 10827 Berlin statt. Die Teilnahme ist kostenfrei. Wir bitten um Anmeldung: bestattung@kreisundraum.de


Hilfsangebote: Wenn Sie sich in einer psychischen Krise befinden oder Suizidgedanken haben, suchen Sie sich bitte Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111.


Hinweis zur Palliativversorgung in Berlin: Der Verein Home Care e.V. bietet Informationen und Beratungsgespräche an. Auf der Webseite finden Sie eine ausführliche Liste mit Arztpraxen und Spezialisierten Ambulanten Palliative Care Teams (SAPV). Link zur Seite

 
 
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